„Magnus hat mir für mein Leben viel hinterlassen“: Eine Mutter über Sucht, Verlust und die Kraft von Unterstützung für einen Neubeginn


„Er ist gegangen. Aber er hat mir etwas hinterlassen, das mich bis heute trägt.“ Wenn Bianca B. über ihren Sohn Magnus spricht, schwingt natürlich Trauer mit – vor allem aber Liebe und Dankbarkeit. Vor knapp zehn Jahren verlor sie ihren damals 19-jährigen Sohn an den Folgen seiner Drogensucht. Sie erzählt ihre Geschichte, um aufzuklären, Suchterkrankungen zu enttabuisieren und für mehr Prävention und niederschwellige Hilfen zu werben. „Sucht ist kein Randthema. Sie ist mitten in unserer Gesellschaft. Sucht beginnt oft leise. Und sie betrifft nie nur den Menschen, der konsumiert.“
Wenn Bianca B. an Magnus denkt, erinnert sie sich an einen herzlichen jungen Mann, der ihr nahestand und Pläne hatte. Er durchlebte eine Pubertät mit den „üblichen“ Höhen und Tiefen, haderte zeitweise mit der Schule und schloss dennoch die zehnte Klasse mit der Empfehlung für die Oberstufe ab. „Niemals hätte ich gedacht, dass sich unser Leben einmal so entwickeln würde." Bianca B. zog Magnus alleine groß. Während sie Vollzeit arbeitete, waren auch Oma und Opa wichtige Bezugspersonen. Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn beschreibt sie als vertrauensvoll: „Wir konnten eigentlich immer über alles reden.“ Mit der Volljährigkeit veränderte sich Magnus jedoch und entzog sich zunehmend jeglicher „Kontrollinstanzen“, wie seine Mutter beschreibt. Zusammen mit seinem Freundeskreis experimentierte er mit Drogen – zunächst weitestgehend unbemerkt. Doch aus gelegentlichem Ausprobieren wurde ein regelmäßiger Konsum. Magnus schwänzte die Schule und entfernte sich immer weiter von seinem bisherigen Alltag. „Am Anfang glaubte er, alles unter Kontrolle zu haben“, erzählt Bianca B.. Als sie ihren Sohn eines Morgens statt in der Schule schwer berauscht zu Hause vorfand, brach für sie eine Welt zusammen.
Zwischen Hoffen, Festhalten und Loslassen – aus Liebe
Was folgte, war ein dramatischer Absturz. Der Konsum steigerte sich, Opiate und später synthetische Drogen bestimmten seinen Tag. Es folgten Entgiftungen, psychiatrische Aufenthalte und Therapien. Hoffnungen wurden von Rückfällen überschattet. Seinen regelmäßigen Konsum finanzierte Magnus schließlich auch durch den Verkauf von Drogen. Für seine Mutter fühlte es sich an „wie ein freier Fall.“
Rückblickend vermutet Bianca B., dass ihr Sohn Schwierigkeiten hatte, seine Impulse und Emotionen zu regulieren. „Die Drogen wurden dann seine Lösung.“ Während Magnus immer wieder gegen seine Suchterkrankung kämpfte, kämpfte seine Mutter um Antworten: „Ich wollte die Dynamik verstehen und wissen, was in meinem Sohn passiert. Und ich wollte ihm helfen.“ Bianca B. recherchierte unermüdlich, las Fachliteratur, suchte Ärzte, Therapeuten und Beratungsstellen auf. Ihren Sohn aufgeben – und auch sich – war keine Option. „Ich habe ihm immer gesagt: Ich bin für dich da – wenn du bereit bist, den Weg unter Rahmenbedingungen mitzugehen.", so die Mutter. Doch Angehörige stoßen irgendwann an ihre Grenzen. „Ich musste ihn dreimal vor die Tür setzen. Nicht, weil ich ihn nicht liebte. Sondern weil ich irgendwann auch mich selbst schützen musste. Ich hatte Angst. Im Haus waren Geld, Drogen und immer wieder Menschen, die kriminelle Energie mitbrachten. Das Fass war irgendwann übergelaufen.“
Halt finden – auch als Angehörige
Für Claudia Bucher von der Suchtberatung bei Caritas-AufWind Beratung & Hilfe gehört genau diese Zerrissenheit, dieser Spagat zwischen Fürsorge und Selbstschutz, zum Alltag von Angehörigen: „In dem Moment, in dem wir hilflos sind, spielen alle Gefühle eine Rolle – Liebe, Angst, Wut, Schuld, Hoffnung und Verzweiflung. Deshalb ist es so wichtig, neben den Erkrankten auch die Angehörigen anzuleiten und zu unterstützen.“ Bianca B. fand diese wertvolle Begleitung bei der Angehörigengruppe „Zusammen-Halt“ von Caritas-AufWind. Die Gruppe und auch Einzelgespräche mit Claudia Bucher halfen ihr, die Suchterkrankung zu verstehen und eigene Grenzen zu setzen. „Ich habe gelernt, auch auf mich selbst zu achten. Nur wenn ich mich selbst nicht aus dem Blick verliere, kann ich für andere da sein.“
Auch Magnus nutzte nach einer Langzeittherapie im Jahr 2016 zeitweise die Unterstützung von Claudia Bucher zur Regeneration. „Nach einer Therapie beginnt die eigentliche Herausforderung oft erst. Die Nachsorge hilft dabei, die erreichten Ziele der Reha-Maßnahme zu stabilisieren, den Alltag im sozialen Umfeld neu zu gestalten und Rückfällen vorzubeugen.“, erklärt die Suchtberaterin. „Magnus wusste, wie sehr seine Mutter immer hinter ihm stand. Aber der Sog der Sucht war stärker.“
Letzten Monate wurden zum größten Geschenk
Im letzten halben Jahr vor seinem Tod kamen sich Mutter und Sohn wieder näher. Magnus wohnte bei einem Freund im Siegerland, arbeitete zeitweise als Aushilfe in einem Supermarkt, versuchte sich am Führerschein und dachte über das Nachholen des Abiturs nach. „Diese Monate waren ein großes Geschenk. Wir verbrachten mit meinen Eltern friedliche und schöne Weihnachtstage. Auch danach trafen wir uns regelmäßig, haben gelacht, viel geredet und eine wertvolle Zeit miteinander erlebt.“, blickt Bianca B. voller Dankbarkeit auf die ersten Monate des Jahres 2017 zurück. Kurzzeitig schien es, als würde sich beider Leben stabilisieren. Einen Tag vor seinem Tod hatten Mutter und Sohn noch Kontakt. Am 12. Mai 2017 starb Magnus an den Folgen eines Drogenmischkonsums.
Die Beerdigung gestaltete die Familie so, wie er es sich zuvor in Gesprächen gewünscht hat. Viele Freunde und ebenfalls Erkrankte nahmen an der Verabschiedung teil. Im Friedwald erklang die Musik von Hans Zimmer und ein im Drogenrausch persönlich verfasster Text wurde vorgetragen. „Es war, als hätte Magnus selbst noch einmal zu uns gesprochen.“ Die Gedanken an ihren Sohn sind heute – fast zehn Jahre nach seinem Tod – überwiegend tröstlich. „Magnus hat mir ein Vermächtnis hinterlassen, denn ich bin aus meinem Hamsterrad ausgestiegen. Ich muss nicht mehr nur funktionieren. Ich habe gelernt loszulassen, auf mich selbst zu hören und meinem Leben neue Perspektiven zu geben. Dafür werde ich Magnus immer dankbar sein. Ich glaube, das würde ihn stolz machen."
„Hinter jeder Suchterkrankung steht ein Mensch“
Gemeinsam mit Claudia Bucher wünscht sich Bianca B. vor allem eins: Dass Suchterkrankungen kein Tabuthema bleiben und mehr Präventionsarbeit geleistet wird. „Gerade im ländlichen Raum findet Konsum oft im Verborgenen statt. Umso wichtiger sind Angebote und Orte, an denen Jugendliche ohne Angst über ihre Sorgen, Gefühle oder Krisen sprechen können – bevor sich Probleme verfestigen“, betont Claudia Bucher. Seit Jahren setzt sich der Fachdienst Caritas-AufWind Beratung & Hilfe für den Ausbau niedrigschwelliger Hilfsangebote und die Installation einer spezialisierten Jugendsuchtberatungsstelle ein.
Wie wichtig Unterstützung auch für Angehörige ist, hat Bianca B. selbst erfahren. Die Begleitung durch Claudia Bucher (im Bild links) gab ihr Halt und Orientierung in einer der schwersten Zeiten ihres Lebens. Ihr gemeinsamer Appell: „Wir dürfen Sucht nicht stigmatisieren. Hinter jeder Suchterkrankung steht ein Mensch – und hinter jedem Drogentoten eine Familie. Die Sucht betrifft nie nur einen einzelnen Menschen.“
Kreisgebiet, 10.09.2026
Janine Clemens, Öffentlichkeitsarbeit & PR