„Jetzt fühlt es sich wie mein Zuhause an“: Mit Mut, Ausdauer und einem starken Netzwerk in ein selbstbestimmtes Leben


Ein neuer Alltag, der endlich ihr eigener ist: Es sind die leisen, alltäglichen Momente, die für Silke Kammerer den Unterschied machen: Ein selbstbestimmter Start in den Tag, ein spontaner Einkauf in der Stadt. Den Alltag nach den eigenen Wünschen gestalten. Was für viele selbstverständlich ist, war für die 54-jährige, mehrfach schwerbehinderte Frau lange Zeit ein unerreichbarer Traum. „Früher musste ich mich oft anpassen“, sagt sie ruhig. „Heute entscheide ich selbst – und das ist ein ganz tolles Gefühl.“ Seit Februar lebt sie „ihr Leben“, wie sie glücklich und stolz betont – in ihrer eigenen kleinen Wohnung im Caritas-Wohnhof am Grafweg mitten in Attendorn. Für Silke Kammerer ein Meilenstein auf ihrem langen Weg hin zu mehr Selbstbestimmung – ein Ankommen.
Seit ihrer Geburt lebt Silke Kammerer mit schweren körperlichen Einschränkungen. Verschiedene Spastiken, ein Ileostoma sowie Nieren- und Blasenkatheter prägen ihren Alltag im Rollstuhl. Ebenso wie der sehnlichste Wunsch der gelernten Bürokauffrau: „Ich wollte mein Leben selbst gestalten – nicht nur organisiert werden.“
Zuletzt lebte Silke Kammerer fast sechseinhalb Jahre im Caritas-Wohnhaus Aufm Kampe in Drolshagen. Eine WG-Zeit, auf die sie dankbar zurückblickt. – auch aufgrund der Freundschaften, die dort entstanden sind. So wird sie mit einigen ehemaligen Mitbewohnenden Anfang April auf Schalke ihre „Lieblings-Elf“ unterstützen. „Natürlich war ich dort gut aufgehoben und wurde umsorgt. Aber es war eben nicht das Leben, was ich führen wollte“, gibt sie ehrlich zu. Auch Wohnhausleitung Julia Berg erinnert sich: „Silke ist nie ganz angekommen. Das war einfach nicht ihr Zuhause – es war eine Lösung auf Zeit.“
Der Schlüssel zum neuen Leben: Persönliche Assistenz
Als Julia Berg auf das Modell der persönlichen Assistenz aufmerksam wurde, das laut Bundesteilhabegesetz Menschen mit Behinderung per Rechtsanspruch zusteht, war für Silke Kammerer sofort klar: „Das ist mein Weg.“ Ein Satz, der alles ins Rollen brachte. Die Wohnhausleitung wurde zu einer wichtigen Wegbegleiterin und setzte sich mit großem Engagement dafür ein, gemeinsam mit Silke ihren Wunsch nach mehr Selbstständigkeit zu realisieren. „Als Caritas ist unser Auftrag, Wege zu finden, damit jeder Mensch so leben kann, wie er möchte“, betont Julia Berg. Es folgten Hilfeplangespräche, Antragstellungen, Abstimmungen mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) als Kostenträger sowie die Auswahl eines geeigneten Assistenz-Dienstes.
Mit Hilfe des persönlichen Budgets, das vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe bereitgestellt wird, konnte Silke Kammerer einen für sie passenden Assistenzdienst als Dienstleister engagieren. Ein fünfköpfiges Team von „Seiler-Assistenz“ aus Köln ist seither rund um die Uhr für sie da. „Ich werde unterstützt und gestärkt, aber nicht bestimmt“, bringt es Silke auf den Punkt. Der persönliche Assistenzdienst ermöglicht es Silke, ihre Tage entsprechend ihrem eigenen Rhythmus und Tempo zu gestalten. „Den Ton gibt Silke an“, so Michael Frei, einer der Assistenzkräfte, augenzwinkernd. „Wir sind ein Team – aber sie entscheidet, wie ihr Tag aussieht.“
Ein starkes Netzwerk, das begleitet und trägt
Diese Haltung macht für alle den Unterschied. „Wir haben einen offenen, ehrlichen Umgang und gleichzeitig eine gesunde Distanz“, erklärt Michael Frei. Hilfe zur Selbsthilfe funktioniere in der Assistenz, „weil wir die Zeit haben“, betont auch Florian Fuchs, ihr direkter Ansprechpartner beim Dienstleistungsunternehmen. So kann Silke Kammerer auch spontan am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Gemeinsam mit ihrem „Assistent Michael“ fängt sie an zu lachen, als sie an das noch nicht lange zurückliegende Erlebnis mit den Hamburger Marktschreiern auf dem Attendorner Marktplatz denkt. „Unvergesslich – für uns beide“, so Assistenznehmerin und Assistenzgeber schmunzelnd.
Silke Kammerers neues Lebensgefühl im eigenen Zuhause ist nicht nur das Ergebnis ihrer Entschlossenheit, sondern auch eines starken Netzwerkes aus Caritas-Fachkräften, Dienstleistern und Behörden. Ergänzend zu der persönlichen Assistenz unterstützt der Caritas-Fachdienst Ambulant Betreutes Wohnen mit zwei wöchentlichen Fachleistungsstunden – etwa bei organisatorischen Fragen, Arztbesuchen oder Alltagsthemen. Übergangsweise werden derzeit auch noch pflegerische Leistungen durch die Caritas-Station Attendorn abgedeckt.
Die positive Entwicklung von Silke bleibt auch ihrem Umfeld nicht verborgen. „Als sie uns kürzlich im Wohnhaus Aufm Kampe besucht hat, war sofort klar: Sie ist angekommen“, berichtet Julia Berg. „Silke wirkt entspannter, zufriedener – einfach mehr bei sich.“
Mutmacherin für andere
Für Silke ist ihre Mietwohnung im Caritas-Wohnhof am Grafweg weit mehr als nur ein neuer Lebensmittelpunkt. „Hier kann ich mein Leben nach eigenen Wünschen gestalten, Neues lernen, Dinge ausprobieren und mich auf Menschen verlassen, die mir dabei tagtäglich helfen“, erklärt sie dankbar und glücklich. „Ohne die Unterstützung von Julia Berg und den vielen Menschen, die sich für mich eingesetzt haben, hätte ich das nicht geschafft.“
Silke Kammerers Geschichte ist mehr als ein persönlicher Erfolg. Sie ist keine laute Erfolgsgeschichte – aber eine ehrliche. Sie zeigt, was möglich ist, wenn Menschen ihre Wünsche und Rechte ernst nehmen, individuelle Unterstützung einfordern und auf ein verlässliches Umfeld treffen, das sie trägt. „Ich kann anderen Menschen mit Behinderung nur Mut machen“, sagt sie. „Wenn man dranbleibt und die richtige Anlaufstellen aktiviert, ist vieles möglich.“ Heute lebt Silke Kammerer das Leben, das sie sich immer gewünscht hat: Selbstbestimmt. Eigenständig. Angekommen.
Attendorn, 20.04.2026
Janine Clemens, Unternehmenskommunikation