Gemeinsam für soziale Sicherheit im ländlichen Raum

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„Sozialpolitik muss vor Ort funktionieren!“. Erstmals haben sich Vertreter der Arbeitsgemeinschaften der Freien Wohlfahrtspflege (AGFW) aus den Kreisen Olpe und Siegen-Wittgenstein zu einem gemeinsamen Austausch getroffen. Im Mittelpunkt standen zentrale sozialpolitische Herausforderungen der Region. Die Botschaft: Sozialpolitische Reformen müssen die besonderen Bedingungen des ländlichen Raumes berücksichtigen und verlässliche Strukturen vor Ort sichern.
Als Zusammenschlüsse der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege auf Kreisebene vertreten sie gemeinsame Interessen und koordinieren die Zusammenarbeit ihrer Mitgliedsverbände in den Bereichen Soziales, Gesundheit, Bildung und Kultur. „Bei aller Individualität der beiden Kreise war es uns wichtig, gemeinsame Themen und Herausforderungen herauszuarbeiten und soweit möglich eine gemeinsame Haltung zu entwickeln“, erklärt Matthias Vitt, Sprecher der AGFW Siegen-Wittgenstein und Vorstandsmitglied im Caritasverband in Südwestfalen.

Kräfte bündeln für Forderungen zu Bildung, Pflege, Teilhabe und Migration

Bei der frühkindlichen Bildung fordern die Vertreter Rahmenbedingungen, die den Besonderheiten ländlicher Regionen gerecht werden. Frühkindliche Bildung dürfe keine Frage des Wohnortes sein. Eine Finanzierung, die sich ausschließlich an der aktuellen Kinderzahl orientiert, könne Einrichtungen und Träger bei schwankender Nachfrage gefährden. Das Kinderbildungsgesetz (KiBiz) müsse deshalb auch vor Ort ein bedarfsgerechtes und erreichbares Angebot sichern. Auch Buchungsstunden dürften nicht zulasten der personellen Ausstattung und Qualität der Betreuung gehen.
Besonders deutlich zeigen sich die regionalen Herausforderungen in der Pflege. Die geplante Neuordnung der Pflegefinanzierung betrifft unmittelbar die Frage, wie Versorgung vor Ort künftig sichergestellt werden kann. Die AGFW begrüßt, dass die Begrenzung der Refinanzierung tariflicher Personalkosten für tarifgebundene Träger nicht mehr im Kabinettsbeschluss enthalten ist. Gleichzeitig sieht sie weiteren Handlungsbedarf – insbesondere beim geplanten Wegfall des Entlastungsbetrages bei Pflegegrad 1.

Pflege ist Daseinsvorsorge

Gerade im ländlichen Raum seien Angehörige auf niedrigschwellige Entlastungsangebote angewiesen. Auch ambulante Dienste müssten bei der Reform stärker berücksichtigt werden: „Ein Leistungsanspruch allein sichert noch keine Versorgung, wenn sich Dienste aus wirtschaftlichen Gründen aus weniger dicht besiedelten Gebieten zurückziehen“, betont Christoph Becker,Sprecher der AGFW im Kreis Olpe und Vorstandsvorsitzender des Caritasverbandes in Südwestfalen.
Die AGFW fordert deshalb, die strukturellen Mehrkosten ländlicher Pflege angemessen zu einzubeziehen. Dazu gehören längere Fahrtzeiten, geringere Versorgungsdichten und verlässliche ambulante Notfall- und Überbrückungsangebote. „Pflege ist Daseinsvorsorge. Wir brauchen eine Pflegepolitik, die ambulante, teilstationäre, stationäre und familiäre Strukturen zusammendenkt und regionale Gestaltung ermöglicht“, so Tanja Baldus vom Diakonischen Werk Wittgenstein. Denn: „Was in einer dicht besiedelten Region funktioniert, lässt sich nicht automatisch auf den ländlichen Raum übertragen.“

Teilhabe sichern, Infrastruktur stärken

Auch in der Eingliederungshilfe sehen die beiden Arbeitsgemeinschaften die Gefahr, dass finanzielle Entlastungsziele zulasten individueller Teilhabe gehen. „Teilhabe darf nicht davon abhängen, wie viel Geld gerade im System vorhanden ist. Menschen mit Behinderung müssen ihre gesetzlich verankerten Ansprüche auch weiterhin tatsächlich wahrnehmen können“, betont Matthias Vitt.
Mit Blick auf die inklusive Kinder- und Jugendhilfe unterstützt die AGFW grundsätzlich die Zusammenführung und inklusive Ausrichtung der Hilfen. Gleichzeitig warnt sie davor, infrastrukturelle Angebote pauschal gegenüber individuellen Hilfen zu priorisieren. Entscheidend seien eine Bedarfsermittlung, Personenzentrierung und der Erhalt verlässlicher Rechtsansprüche.
Übergreifend fordert die AGFW eine auskömmliche Finanzierung sozialer Infrastruktur, ausreichend Fachkräfte und weniger Bürokratie. Finanzielle Risiken dürften nicht zunehmend auf Träger und Kommunen verlagert werden. Reformen müssten fachlich überzeugend formuliert, sondern auch praktisch finanzierbar und umsetzbar sein. Das gelte auch für die Migrationsberatung.
Bei dem gemeinsamen Fachaustausch wurde deutlich, dass künftig erhebliche Versorgungslücken entstehen könnten, wenn bundesweite Vorgaben die Zusammenarbeit von Kommunen, Behörden und Trägern erschweren oder Menschen vom Zugang zu Beratung ausschließen. Aus Sicht der AGFW gefährdet dies erfolgreiche Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Mit ihrer gemeinsamen Position wollen die Vertreter der Arbeitsgemeinschaften der Freien Wohlfahrtspflege aus Olpe und Siegen-Wittgenstein den Blick auf die konkreten Bedingungen vor Ort lenken: „Soziale Daseinsvorsorge braucht verlässliche Rahmenbedingungen – und Lösungen, die die Lebensrealität der Menschen hier vor Ort berücksichtigen.“

Kreis Olpe/Kreis Siegen-Wittgenstein, 05.10.2026
Janine Clemens, Öffentlichkeitsarbeit & PR