Pater Heribert Niederschlag referierte im Caritas-Zentrum Wenden

Pater Niederschlag bei seinem Vortrag im Josefsheim.

„Augen, die geweint haben, sehen anders“

Zu einem Nachmittag der Begegnung hatten die Verantwortlichen des monatlichen Camino-Treffens für Trauernde am 7. Mai in den Saal des St.-Josefsheims eingeladen. Nach dem Stehkaffee begrüßte Regina Bongers, Trauerbegleiterin BVT im Caritas-Zentrum Wenden den aus Ottfingen stammenden Pater Prof. Dr. Heribert Niederschlag (SAC).

Der Saal war voll besetzt mit Menschen, die unter Verlusterfahrungen leiden oder sich mit dem höchst sensiblen Thema „Trauer“ auseinandersetzen wollten. Wer Pater Niederschlag kennt, der weiß, dass er es auf brillante Weise versteht, über diesen gefühlsbetonten Leitgedanken vor Betroffenen zu sprechen und dabei nicht außer Acht lässt, behutsam auf die Lichtblicke und Ermutigungen für das Leben hinzuweisen.

„Keiner bleibt vor dem bitteren Abschied bewahrt!“ so Pater Niederschlag. Der Tod nahe stehender Menschen verändere das Leben so tiefgreifend, dass der sprachliche Ausdruck vor dem Empfinden der Trauer versagt. In Bildersprache ausgedrückt könne auch nur angedeutet werden, in welche Not der Tod die Hinterbliebenen stürzt. „Ich komme mir vor wie amputiert – ich habe den Halt verloren.“

Wer einen geliebten Menschen verloren hat, wird niemals mehr der sein, der er vorher war. Diese Erfahrung durchzieht die Geschichte in allen Generationen. Im Tod des Menschen, den ich liebe, tritt der Tod auch in mein Leben. Er kommt nicht erst dann, wenn ich sterbe, sondern lässt mich schon jetzt schmerzlich erfahren, was er bedeutet:

Pater Niederschlag: „Nach dem Tod des geliebten Freundes oder Partners wird der zurückbleibende Trauernde auf den „Weg der Wandlung" gedrängt. Er wird akzeptieren müssen, was vor sich geht, sich aufraffen und das Leben des neuen Menschen leben, der er geworden ist.“ Die Trauer kann auch zur Chance des Lebens werden. Das hat und das braucht seine Zeit.“

Dieses ist aber am ehesten möglich in einer Art von Begegnung, wie sie vor allem Martin Buber vorschreibt, nämlich, dass der Mensch am „Du“ zum „Ich“ wird. Gerade der in der Trauer zutiefst Verwundete braucht Andere um von neuem zu sich zu finden. So kann mit der Zeit die Kraft des Vertrauens wachsen, damit es zu einer inneren Versöhnung mit dem Schicksal kommen kann.

Das, was besonders hart ist und manche nicht wahrhaben wollen, ist die Endgültigkeit der Trennung zu akzeptieren. Der trauernde Mensch ist in seiner innersten Mitte getroffen, wo die Liebe ihren Sitz hat, und denkt für sich: „Was hat das Leben jetzt noch für einen Sinn für mich? Es ist egal, ob ich aufstehe oder liegen bleibe, das oder jenes tue. Sicher, da sind noch andere Menschen, denen ich etwas bedeute. Das weiß ich vom Kopf her, aber dieser Gedanke erreicht nicht mein Herz. Ich habe mich selbst verloren.“

Trauernde äußern oft, dass sich ihr Bekanntenkreis verändert hat. Es kann sein, dass manche aus dem Bekanntenkreis durch den Tod so betroffen sind, dass sie nicht darüber reden möchten, weil das auch in ihnen Schmerz und Tränen auslöst.

Trauernde sprechen oft davon, dass sich der Bekanntenkreis verändert, d.h.  aber auch, dass sie neue Bekannte finden. Menschen, von denen sie es vielleicht nicht erwartet haben, kommen auf sie zu, haben Verständnis für ihre Situation. Oft sind es Menschen, die Ähnliches erlebt haben und wissen, wie einem in einer solchen Situation zumute ist. Solche Erfahrungen sind wichtig, sie bilden ein Gegenstück zu der Erfahrung des Verlustes, sie zeigen, dass sich Neues entwickeln kann.

Jeder trauert anders

Jeder Mensch trauert anders, und jeder Mensch hat auch ein Recht auf seine Trauer, auf seine Art zu trauern und auf die Zeit zu trauern. Von außen kann niemand die Tiefe oder das Ausmaß der Trauer beurteilen.

Auch die Bemerkung, Du müsstest doch jetzt schon bald darüber hinweg sein, steht Außenstehenden nicht zu. In einem gewissen Sinn kommt man über den Tod eines geliebten Menschen nie hinweg, so sehr sich die Erinnerung an ihn und auch die Trauer um ihn verändert. Aber die Verbundenheit mit ihm und der Verlust seiner leibhaften Nähe durch den Tod gehören für immer zum eigenen Leben.

Trauernde brauchen eine Klagemauer, brauchen Menschen, mit denen sie über ihren Schmerz sprechen können, und die es aushalten, dass ihnen zum zehnten Mal bestimmte Begebenheiten in der Zeit der Krankheit, beim Sterben oder in den Tagen nach dem Tod erzählt werden, und die verstehen, dass jemand seine Gefühle nicht zurückhalten kann.

Im Trauerprozess sind nach Ansichten des Paters große Gefühlsschwankungen normal. So formulierte ein Trauernder: „An manchen Tagen hoffe ich, dass mich niemand anspricht oder anruft, am nächsten Tag hoffe ich, dass sich jemand bei mir meldet und mir zuhört.“ Es sei wichtig, diese Gefühle wahrzunehmen und zuzulassen. Und weiter berichtet er: Es gibt immer wieder Einbrüche: Auf Zeiten, in denen die Trauernden den Eindruck haben, dass sie sich schon ein wenig gefasst haben, folgt wieder ein tiefer emotionaler Einbruch, so dass sie sich wieder wie in einem schwarzen Loch fühlen. Ihre Situation erscheint ihnen völlig aussichtslos und jede Hoffnung auf Änderung trügerisch. Jedoch nach einiger Zeit werden sie sich daran erinnern, dass sie aus solchen tiefen Phasen auch wieder herausgekommen sind.

Nach einer Phase des Suchens und Sich-Trennens gelingt es den Trauernden die Trennung von dem geliebten Menschen innerlich anzunehmen, „Ja“ zu sagen zu der neuen Situation.

Für gläubige Menschen kann es ein Trost sein, darauf zu vertrauen, dass der Verstorbene bei Gott Geborgenheit gefunden hat. Mit diesem Glauben ist auch die Hoffnung auf ein Wiedersehen bei Gott verbunden. Der Trauernde hat wieder in sich selbst Halt gefunden, erfährt auch wieder Freude am Leben. Er findet auch wieder Sinn in seinem Leben. Er ist dankbar für das, was durch den Verstorbenen in ihm geworden ist. Er ist auch bereit, wieder Beziehungen einzugehen.

„Augen, die geweint haben, sehen anders" (B. von Clairvaux)

Pater Niederschlag betont: Der Akzent liegt auf dem „anders". Es geht nach dem Tod eines geliebten Menschen anders weiter. Es ist nicht mehr so wie vorher. Aber anders bedeutet auch: neu. Menschen, die durch die Trauer hindurch gegangen sind, sehen sich und ihr Leben anders und sehen manchmal auch Gott anders und neu.

Sie entdecken neue Möglichkeiten in sich, sie haben erfahren, dass sie weiterleben können, auch wenn sie meinten, dass es ohne diesen Menschen nicht mehr möglich ist. Das Leben erscheint wieder lebens- und liebenswert. Sie sehen auch ihr Leben anders. Manche gewinnen einen klaren Blick für das, was wirklich wichtig ist und zählt. Sie lernen die Begrenztheit und die Vergänglichkeit des Lebens zu sehen und auch anzunehmen. Das kann dazu führen, bewusster zu leben, die Lebenszeit als ein kostbares Geschenk zu sehen.

Manche finden in der Trauer näher zu Gott, sie entdecken ihn neu. Pater Niederschlag zitiert Karl Rahner „Glauben heißt die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten". „Augen, die geweint haben, sehen anders" oder wie es jemand ausgedruckt hat „Ich habe in der Trauer vieles gelernt." Es ist ein schmerzlicher Prozess, aber viele haben in der Trauer auch Kostbares entdeckt.

Im Anschluss an seinen Vortrag feierte P. Niederschlag mit allen Teilnehmern einen so genannten Lichtblick-Gottesdienst, bei dem der Leitgedanke nochmals aufgenommen wurde. Zur Untermalung spielten Kunibert Meurer mit seiner Mundharmonika, Petra Alterauge und Martina Alscher begleiteten die rhythmischen Lieder mit ihren Gitarren.

Als Dankeschön für den gelungenen Nachmittag und Erinnerung überreichte Anne Böhler, Leiterin Soziale Dienste, eine kleine Bronzefigur des Hl. Josef an Pater Niederschlag.

 

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